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Mehr als nur geliehen

Rumtoben auf dem Spielplatz macht nicht nur Taya und Fenja einen Riesenspaß – auch das Ehepaar Richter hat sichtlich Freude dabei.

Senioren sind heute so fit und aktiv wie noch nie. Die Menschen werden immer älter, bleiben dabei länger gesund und wollen die Zeit natürlich sinnvoll nutzen. Die Werbe-industrie hat die „Best Ager“, also die Generation 50plus, schon lange für sich entdeckt, zum „alten Eisen“ gehören Männer und Frauen mit dem Eintritt ins Rentenalter garantiert nicht mehr. Ganz im Gegenteil: ohne sie wäre das Leben auch vieler jüngerer und ganz junger Menschen sehr viel komplizierter – wie beispielsweise das Projekt „OLDi“ des Dessauer SHIA e.V. beweist.

Auf den ersten Blick sind sie eine ganz normale Großfamilie: die dreijährige Fenja und die ein Jahr alte Taya spielen begeistert mit Oma Brigitte und Opa Reiner, Mama Felicitas beobachtet das Geschehen mit einem glücklichen Lächeln. Aber bis vor rund drei Jahren kannten sich Felicitas Wischeropp und Brigitte und Reiner Richter nicht einmal. Bis die hochschwangere Bald-Mama beim SHIA-Verein zufällig auf das Projekt „OLDi“ stieß.

Die Abkürzung steht für „Oma-Opa-Leihdienst“, also die Vermittlung älterer Menschen an Familien mit Kindern. Für Felicitas Wischeropp eine unerwartete Lösung in schwieriger Lage, bedingt durch lange Arbeitszeiten, auch am Wochenende, einen Ehemann, der als LKW-Fahrer oft unterwegs ist und eine Familie, die nicht in der Region lebt. „Wechselnde Tagesmütter kamen für mich nicht in Frage, und ich hatte auch kein Interesse an jemandem, der nur als Eintagsfliege da ist. Ich wollte jemanden, dem ich tiefes Vertrauen entgegenbringen kann, Sympathie und Chemie mussten natürlich stimmen, und das haben wir in Brigitte und Reiner absolut gefunden“, sagt Felicitas heute. Brigitte und Reiner Richter hatten vom Projekt aus dem Internet erfahren. Nach dem Eintritt in den Ruhestand suchten beide nach Kontakten in ihrer unmittelbaren Umgebung. Eigene Freunde und Familie waren weit weg, die Liebe zu Kindern sehr stark – und so kam das eine zum anderen. Das erste Treffen fand in den Räumen des Vereins statt, und die Chemie stimmte sofort. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Bei mir ist es so, dass ich spätestens beim zweiten Treffen merke, ob das Herz spricht oder nicht. Und dann muss man sofort ehrlich sein“, bekräftigt Brigitte Richter, die gemeinsam mit ihrem Mann zuvor bereits zwei weniger erfolgreiche Familienkontakte hatte.

Die Beziehung zu Fenja –Schwesterchen Taya war da noch nicht auf der Welt – bauten die neuen Leihgroßeltern äußerst behutsam auf. In den ersten paar Tagen begleiteten sie die Eltern mit ihrem Kind, gingen spazieren und spielten gemeinsam, bis die Kleine merkte, dass die fremden Leute ab jetzt dazugehören. „Und sie haben es mir auch als Mama sehr leicht gemacht, denn ich bin da sicher nicht einfach, eher so eine Glucke, eine Übermutti, und da haben sie mich auch mit Samthandschuhen angefasst“, so Felicitas Wischeropp. Heute sind Richters im Normal-fall morgens ab 8 Uhr im Einsatz, übernehmen alle Aufgaben im Haushalt und für die Kinder, bis Mama von der Arbeit kommt. Es wird gewaschen, angezogen, gemeinsam gespielt, gegessen, schlafen gelegt – eben ganz so, wie es auch leibliche Großeltern tun würden. Felicitas Wischeropp ist sich sicher, dass sie sich währenddessen keinerlei Sorgen machen muss: „Ich weiß genau, sie kommen voll auf ihre Kosten – alle Vier, würde ich sagen.“ Den Begriff „Leihgroßeltern“ hat die neue Familie schon lange aus ihrem Wortschatz gestrichen, Brigitte und Reiner sind Oma und Opa, und wollen das auch bleiben, so lange es geht. „Bei genetischen Großeltern bleiben die Enkel auch wenn sie erwachsen werden die Enkelkinder, und so sehen wir das eigentlich auch“, bekräftigt Brigitte Richter.

Für Felicitas Wischeropp sind Brigitte und Reiner aber nicht nur ein Ersatz für ihre „echte“ Familie, zu der übrigens ebenso wie bei Richters nach wie vor ein inniges Verhältnis inklusive gelegentlicher Treffen der neuen „Großfamilie“ besteht. „Die Beiden stehen uns mit Rat und Tat zur Seite. Und immer, wenn Du mal selbst nicht an Dich glaubst, hast Du jemanden, der Dir den Rücken stärkt. Es ist also auch für uns als Eltern eine echte Bereicherung.“ Nicht immer führt das Projekt „OLDi“ des SHIA e.V. zu solch intensiven Verhältnissen. Es werden auch Leihgroßeltern vermittelt, die nur auf Zuruf einspringen, gelegentliche Pflegeaufgaben übernehmen oder vielleicht auch nur ein Hobby mit dem Leih-Enkel teilen. Letztendlich also Dinge tun, für die früher Oma oder Opa eingesprungen sind, und die beiden Seiten ein Stück Familienanschluss geben.

Und wenn daraus dann doch eine so herzliche und herzerwärmende Angelegenheit wird, wie bei der neuen Großfamilie von Fenja und Taya der Fall, dann umso besser. Oder, um es mit Felicitas Wischeropps Worten zu sagen: „Wir sind eine echte Familie geworden. Die Beziehung ist gewachsen, und sie wird weiter wachsen.“

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Familienzentrum Dessau
SHIA e.V. Dessau
Wörlitzer Straße 69
06844 Dessau-Roßlau

Telefon: 0340 8826062
www.shia-dessau.de

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